Arbeitswelt

  • Senioren helfen Jugendlichen aus der Schuldenfalle

    Verfasst von Cornelia Schulze am 28. Februar 2011

    Möglich wird das Projekt «Jugend ohne Schulden» (JoSch) vor allem durch den Einsatz von Senioren, die mit den Jugendlichen über den verantwortungsbewussten Umgang mit Geld diskutieren. «Es geht uns dabei nicht nur um Zahlen und Rechenbeispiele», sagt Ditmar Lutz. Auch die «zum Teil perfide Werbung von Unternehmen» spiele bei den Gesprächen mit den Schülern eine entscheidende Rolle, betont der 71 Jahre alte Rentner aus Offenbach. Früher war er Marktleiter eines Supermarktes.

    Es geht um Menschen, nicht um Turnschuhe

    Gemeinsam mit dem früheren Informatiker Werner Rau steht Lutz nun vor den gut 20 Schülern und referiert über die Folgen von Überschuldung und Gruppenzwang. Lutz, der immer wieder betont, er habe als junger Mensch lediglich einen Hauptschulabschluss gemacht, will den Schülern zeigen, «dass es im Grunde um den Menschen geht und nicht darum, welche Turnschuhe er trägt oder welches Auto er fährt».

    Neben praktischen Tipps zu Lebenshaltungskosten oder dem Abschluss eines Handy-Vertrages, so fügt der 59 Jahre alte Werner Rau hinzu, wolle man daher vor allem die persönliche Lebenserfahrung weitergeben. Während der ersten Doppelstunde in der Berufsbildenden Schule in Obertshausen sprechen die Schüler engagiert mit den beiden Ehrenamtlichen über Schulden beim Autokauf, über monatliche Versicherungsbeiträge, über nicht bezahlte Strafzettel oder überzogene Dispositionskredite; auch der Ratenkauf und die Wettschulden werden angesprochen.

    Über die Gründe für die Verschuldung haben die Schüler klare Ansichten: «Natürlich ist die Arbeitslosigkeit einer der Gründe für Überschuldung», sagt etwa die 18 Jahre alte Melissa.

    Auch Prestigedenken und die Fixierung auf Marken hätten schon manche junge Erwachsene an den Rand der Existenz gebracht, betont Argirios. Der 19 Jahre alte Mann, der Krankenpfleger werden möchte, erinnert sich daran, dass manche Jugendliche nicht damit fertig wurden, dass sie sich eben nicht die angesagten Kleidermarken oder das neueste Handy leisten konnten. «Manche haben genug Selbstbewusstsein, um damit klarzukommen, wieder andere sind daran verzweifelt», erinnert er sich.

    Schulden bei Jugendlichen nehmen zu

    Wie Astrid Metzler, Projektleiterin von JoSch bei der Diakonie, sagt, verfügen laut Schufa Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 19 Jahren in Deutschland mit 20 Milliarden Euro über so viel Geld wie nie zuvor. «Gleichzeitig nehmen aber auch die Schulden bei Jugendlichen zu», sagt sie. Während die Schufa sechs Prozent an verschuldeten Jugendlichen verzeichnet, bezifferten andere Institute diese Gruppe sogar mit zwölf Prozent.

    Zu den Folgen hoher Schulden gehören indes nicht nur langfristige Abhängigkeit von der Bank und ein geringer Lebensstandard; auch gefährliche Beispiele werden angesprochen: «Ich war mal in einer Klasse, in der sich ein junger Mann davor fürchtete, er würde wegen seiner Wettschulden die Fingerkuppen abgeschnitten bekommen», erinnert sich Ditmar Lutz.

    Betroffenes Schweigen in der Klasse. Und der 71 Jahre alte Rentner konfrontiert die Schüler mit weiteren schockierenden Berichten. So zitiert er beispielsweise einen Zeitungsartikel, in dem es um eine Mutter geht, die so stark verschuldet war, dass sie sich und ihre beiden Kindet tötete. «Die denkbar schlechteste Entscheidung, die ein Mensch treffen kann», sagt er.

    Zustimmendes Murmeln der Schüler. Am Ende der ersten Einheit – insgesamt gibt es fünf Doppelstunden zu dem Thema – packen die Schüler anscheinend beeindruckt ihre Taschen und gehen wieder zum Alltag über. Klassenlehrerin Monika Ostheim ist angetan von ihren Schülern: «Sie waren wirklich sehr aufmerksam.» Doch Lutz ist seit vier Jahren im ehrenamtlichen Beratungsgeschäft aktiv, und er weiß, dass die Nachhaltigkeit seiner Worte eher gering ist: «Wenn wir pro Klasse zwei bis drei Schüler erreichen, dann haben wir schon viel erreicht», sagt er.
    Quelle: (dapd-hes/Stephen Wolf)

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